Tag der Begegnung für Haupt- und Ehrenamtliche im Justizvollzug NRW 2026

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    PD Dr. Nicole Bögelein bei ihrem Impulsvortrag
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    Ein Teilnehmer stellt nach dem Impulsvortrag eine Frage im Plenum
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    Ein Teilnehmer stellt nach dem Impulsvortrag eine Frage im Plenum
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    Heike Moerland begrüßt die Anwesenden zum Tag der Begegnung
PD Dr. Nicole Bögelein bei ihrem Impulsvortrag

Hans-Ulrich Sander wechselt fast jede Woche die Seiten. „Ich treffe mich mit zwei Inhaftierten“, erzählt der Remscheider, „einer hat eine lebenslange Haftstrafe, der andere ist zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden“. Sander war früher bei Gericht als Schöffe im Einsatz. Und wenn er neben dem Richter saß, dachte er oft darüber nach, dass er gerne mal einen Blick auf die andere Seite wagen würde – hinter die Gefängnismauern. Seit er im Ruhestand ist, macht er genau das: Er ist als Ehrenamtlicher in der Straffälligenhilfe im Einsatz. „Und ich habe wirkliche eine neue Perspektive gewonnen“, sagt Hans-Ulrich Sander, „ich habe festgestellt: Häftlinge sind ganz normale Menschen“.

Der Ehrenamtliche aus Remscheid schätzt diesen Perspektivwechsel. Und er sucht ihn nach wie vor. „Deswegen bin ich heute auch hier“, sagt er beim Tag der Begegnung für Haupt- und Ehrenamtliche im Justizvollzug NRW. Die Landeskoordinierungsstelle für das Ehrenamt in der Straffälligenhilfe NRW bei der Diakonie RWL hat erneut zur Begegnung eingeladen. „Um einen Rahmen für den niedrigschwelligen Austausch zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen zu schaffen“, erklärt Leon Held, Referent bei der Diakonie RWL. Viele Ehrenamtliche wie Hans-Ulrich Sander sind zu der Veranstaltung nach Düsseldorf gekommen, um voneinander zu hören und miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber auch Hauptamtliche, die in den Justizvollzugsanstalten (JVA) arbeiten, haben sich auf den Weg gemacht. „Unser Blickwinkel darf hier nicht fehlen“, findet Nadine Trepmann, Sozialarbeiterin in der JVA Geldern. Auch sie kennt die verschiedenen Perspektiven im Justizvollzug. „Es ist mir wichtig, dass wir hier heute auch unsere Sicht einbringen können, unsere Möglichkeiten, aber eben auch unsere Grenzen“, sagt sie. Nur wenn Ehren- und Hauptamtliche im Gespräch blieben, sei Verständnis überhaupt möglich – für Sicherheitsvorschriften, für die nötige Distanz, manchmal auch für den klaren Ton hinter den Mauern. So gibt es beim Tag der Begegnung viel Gelegenheit, um wirklich miteinander ins Gespräch zu kommen, auch für Diskussionen und unterschiedliche Meinungen. 

Gleichzeitig setzt die Landeskoordinierungsstelle bei dem Treffen einen Themenschwerpunkt: „Armut und Justizvollzug“. Wie hängt beides zusammen? Werden von Armut betroffene Menschen eher straffällig? Oder werden sie nur häufiger verurteilt? Welche Rolle spielt Armut im Gefängnis? Und was bedeutet das Fehlen von finanziellen Mitteln bei der Resozialisierung nach der Haft? Antworten am Tag der Begegnung hat PD Dr. Nicole Bögelein, Soziologin am Institut für Kriminologie an der Universität in Köln, im Gepäck. Viele der Zuhörer*innen haben ihren Namen schon mal gehört: „Ich mag ihren Podcast True Criminology“, erzählt Nadine Trepmann als sie die Stimme der Referentin überrascht wiedererkennt. Bögeleins neues Buch liege auf ihrem Schreibtisch in der JVA. Entsprechend neugierig lauscht sie dem Vortrag der namhaften Referentin. Die scheut die klaren Aussagen nicht: „Armut führt zu Kriminalisierung“, sagt sie und räumt gleichzeitig ein, entsprechende Untersuchungen seien schwer möglich. Aber sie denke an die Momente, in denen Passanten überlegen, ob sie bei einem Vorfall im öffentlichen Raum die Polizei rufen oder an die Augenblicke in Bahnen und Bussen, in denen Fahrkartenkontrolleure entscheiden, wie sie auf ein fehlendes Ticket reagieren. Treffen sie auf Menschen, die offenbar wenig Geld haben, falle die Entscheidung sowohl bei Passanten als auch bei Fahrkartenkontrolleuren häufiger gegen die Betroffenen aus. Wer straffällig werde und viel Gelde habe, könne oft auf eine Einstellung eines Verfahrens gegen eine Geldauflage hoffen. „Im vergangenen Jahr gab es aber hingegen 7000 Urteile zu einer Ersatzfreiheitsstrafe gegen Schwarzfahrer“, rechnet Dr. Nicole Bögelein vor. Menschen gingen ins Gefängnis, weil sie eine Geldstrafe nicht bezahlen konnten. Und auch während und nach der Haft präge die Betroffenheit durch Armut den Alltag der Menschen. „Wenn sie aus dem Gefängnis kommen, kehren sie nicht in ein soziales System zurück“, erinnert die Wissenschaftlerin, „sie müssen häufig viel tun, um über Wasser zu bleiben“. 

Und was bedeuten diese Erkenntnisse nun für die Haupt- und Ehrenamtlichen im Justizvollzug? Am Nachmittag kommen die Teilnehmenden des Begegnungstages darüber ins Gespräch. In kleinen Arbeitsgruppen nehmen sie die Themen in den Blick: Anna-Lena Bender, Leiterin des Sozialdienstes in der JVA Attendorn, spricht mit den Besucher*innen über soziale Schuldnerberatung hinter den Mauern. Meike Ongoletum und Marius Henning von der Zentralen Beratungsstelle der Straffälligenhilfe in Köln informieren über Armutsrisiken für Angehörige von Inhaftierten. Und Pfarrerin Heike Rödder, Gefängnisseelsorgerin in der JVA Wuppertal-Vohwinkel, erzählt von Dimensionen immaterieller Armut in der JVA. „Es ist deutlich geworden: Wir haben noch viel zu tun, um strukturelle Benachteiligungen armutsbetroffener Menschen in Strafverfolgung und Justizvollzug abzubauen“, stellt Heike Moerland, Leiterin des Geschäftsfeldes Berufliche und soziale Integration bei der Diakonie RWL, nach den Arbeitsgruppen fest.

Auch bei dieser Aufgabe ziehen viele an einem Strang – das wird am Tag der Begegnung in Düsseldorf ganz deutlich. „Bei einem Treffen mit Ehrenamtlichen, Mitarbeitenden aus der Freien Straffälligenhilfe, dem Sozialdienst, dem Allgemeinen Vollzugsdienst der Justiz und der Gefängnisseelsorge stoßen sehr unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen aufeinander“, bilanziert Heike Moerland schließlich: „Es ist toll zu sehen, wie alle aufeinander zugehen, sich zuhören und unterschiedliche Haltungen und Standpunkte zulassen und respektvoll diskutieren“.